Klein machen

Bei der Beschäftigung mit dem Thema “Needyness” schlich sich sofort eine Betroffenheit mit Wertung in “gut” und “schlecht” ein, mit der Richtung von pathologisch und dysfunktional. Sofort stellte ich mich in die Ecke des Bedürftigen, der sich zur Ausfüllung seiner inneren Leere eine Affäre sucht. Auffällig wurde es insbesondere, wenn ich an die letzte Woche und die Erinnerung an M. denke, die mich am Strand so mächtig überkam. Diese Selbstherabstufung, dieses klein machen empfinde ich mittlerweile als viel zu undifferenziert, streng und selbstquälerisch. Was ist denn mit den Gefühlen zu ihr? War das alles Berechnung? Nein!

Klar entdecke ich Züge des Bedürftigen in mir: Alles schwirrt gerade im Kopf herum, zu strenge Selbstdiagnose wirkt nicht sehr zielführend. Nun rudere ich wieder ein Stück zurück in der Hoffnung, die Ausschläge pendeln sich ein. Zu pauschal auf den Zug needyness aufzuspringen und mich dahinter zu verstecken, bringt es nicht.

Klar ist, Wertung macht an dieser Stelle keinen Sinn, sondern Erkennen ohne Wertung, als Handwerkszeug für eine Analyse, die die Hintergründe erklären.

Fest steht diese Verbindung, dieses Hingezogensein zu M., dass ich gerade letzte Woche am Strand spürte, obwohl mir mein Kopf sagte, “lass es”. Mein Bauch wollte etwas anderes. War da ein “Loch im Bauch”, eine Leere, die es zu füllen galt? Kopf und Bauch scheinen jeweils ein Eigenleben zu führen, können die beiden eins werden?

Mir fällt dieses Zitat ein:

„Mit sich selbst allein verkümmert der Mensch.
Geht er aber in einer Begegnung, einer Beziehung aus sich heraus,
so kommt er gerade dann bei sich an.
Erst durch ein Gegenüber, ein Du, findet das Ich des Menschen zu sich selbst.
Nirgends ereignet sich die Begegnung von Ich und du beglückender
als im Gespräch der Worte und Gesten.
Der Mensch ist auf eine solche Zwiesprache angelegt.“

Martin Buber, Philosoph

Einen Menschen oder mehrere benötige ich zum Mensch-sein, aus der inneren oder der äußeren Sicht, aus der ehrlich oder unehrlichen, aus der liebevollen oder berechnenden Sicht. Needyness oder Wholeness? Echte Zuneigung oder Besitzdenken, Egopflege? Immer überzeugt von der Ernsthaftigkeit seines eigenen Handelns, schwankt der sonst so feste Sockel.

Hätte ich nur mehr Worte in mir für das, was mich beschäftigt.

mannwerdung schreibt in einem mutmachenden Kommentar, das Erkennen würde einsetzen, funktionieren, nun müsse es im Bauch, in den Gefühlen ankommen. Ich will nicht weiter einem Phantom, einer Sehnsucht hinterlaufen, die mir nur Schmerzen bereitet, das sich verselbständigt und mit der eigentlich Person nichts mehr zu tun hat. Ich will, so es denn so ist, mich an M. in Dankbarkeit erinnern können, ohne diese Selbstzweifel, einen Fehler gemacht zu haben. Dennoch wird immer das Gefühl und die Sorge bleiben, bei M. ist etwas ungelebtes von mir und bei mir etwas ungelebtes von ihr geblieben. War das ein Irrtum, auf Basis einer inneren Leere basierendes Sehnsuchtsgefühl?

Wie wirkt das Erkennen? Wie muss meine Arbeit weiter aussehen, insbesondere auch in Bezug auf die Zukunft? Wie will ich die Partnerschaft mit meiner Frau weiter gestalten? Will ich sie gestalten? Noch herrscht hier eher ein dumpfes, unklares Gefühl. An der Stelle bin ich nicht mit mir verbunden. Wie stelle ich Verbundenheit mit mir her?

Und im Falle einer Erkenntnis, werde ich in der Lage sein, es umzusetzen, eine Entscheidung zu treffen, die nicht nur bequem ist?

In den letzten Tage lernte ich viel, einerseits, andererseits stellt sich eine große Verwirrung ob dieser vielen neuen Eindrücke ein, die verarbeitet werden müssen.

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2 Antworten zu Klein machen

  1. mayarosa schreibt:

    Hallo autum,
    bin vor Kurzem über deinen Blog gestolpert und war ein paar Mal hier. Es gefällt mir, dass du nicht (mehr) 100prozentig auf den needyness-Zug springst. Mir klingt das alles zu extrem und Extreme mag ich nicht. Schließlich können wir nicht alle zu Buddhas werden, bevor wir eine erfüllte und glückliche Beziehung leben können. Und das ist auch gar nicht nötig.
    Klar suchen wir im anderen oft, was wir an uns vermissen. Besonders ärgern wir uns bei anderen über unsere eigenen Fehler. Naja, so ticken wir Menschen. Toll finde ich, wenn jemand reflektiert und über sich, sein So-Sein und sein So-Sein-Wollen und sein So-Sein-Sollen nachdenkt, bewusste Entscheidungen trifft und Enerige in Veränderung investiert. Das ist, finde ich, ziemlich viel. Und so kurz ich in deinem Blog vorbeigeschaut habe, tust du das. Das ist wunderbar :-)
    Bitte erlaube mir an dieser Stelle noch eine technische Frage. Ich habe bisher ehrlich gesagt, so gut wie keine Ahnung vom Bloggen und rätsle darüber, warum zum Beispiel in deinem Blog, manche Nicks mit Link sind und andere ohne.
    Ich habe bisher gelernt, da wir beide wordpress-Blogs haben, erkennst du mich vermutlich automatisch. Kommt dann auch automatisch dieser Link? Musst du ihn freischalten? Muss ich in meinen Einstellungen etwas ändern? Was? Fände superlieb, wenn du mir hierzu antworten könntest (Falls das mit dem automatisch Erkennen ein Irrtum war, hier bin ich: http://www.mayarosasweblog.wordpress.com). Dankeschön.
    Ein schönes Wochenende wünsche ich dir
    mayarosa

    • autum schreibt:

      Hallo mayarosa,
      ich freue mich über deinen Besuch und über dein Interesse.
      Die einfachste Frage beantworte ich zuerst: Deinen Kommentar muss ich freischalten. Beim ersten Mal. Weitere Kommentare werden werden ohne weiteres Zutun sichtbar.
      Nicks erhalten einen Link, sofern sich der Autor mit seinem Namen und seinem Bloglink anmeldet, unerheblich ist dabei, ob von wordpress.com oder von sonst einem Bloghoster kommt.
      Ich glaube, das waren deine technischen Fragen. Frag gern weiter. Vieles musste ich mir auch zusammensuchen in Foren und in der Hilfe.
      Gern wäre ich mit mit manchen Eigenarten ein anderer Mensch, würde die unliebsamen Eigenarten ablegen wie einen alten Mantel. Wäre es nur so einfach. Das Erkennen ist schon viel, das Ablegen eine andere Sache. Sicherlich geht das nur bedingt, automatisch schwingen sich die alten Muster schnell wieder ein, gerade im affektiven Handeln. So ist aber wohl der Mensch, ich würde mir nicht gerecht werden, das nicht zu beachten.
      Zurückschauen ist hilfreich, auf Eltern, Großeltern, Geschwister. Wie verhält sich der Vater, die Mutter? Analogien zeigen das eigene Wesen auf. Der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm. Ich kann da nur gezielt dagegen angehen, Dinge bewusst anders machen, als ich sie bei meinen Eltern sehe. So eine gezielte, punktuelle Änderung herbeiführen, nie mich als Ganzes ändern. Immein ist das schon viel.
      Grüße
      autum

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