Über eines möchte ich gern noch berichten, weil es mir seit Tagen nicht aus dem Kopf geht und sich als Widerspruch darstellt, ich kriege keine Kante dran, keine Erklärung.
Der Mensch sucht Nähe, Austausch, ein Gegenüber, ein Aufgenommensein, ich suche das auch, stelle jedoch fest, sobald ein Mensch bei mir dieses Gegenüber einfordert, ziehe ich mich zurück. Bei M. beobachtete ich es, sobald sie kam, wich einen Schritt zurück, sinnbildlich gesprochen. Ich schob dies darauf zurück, mich nicht wirklich von U. getrennt zu haben und diese Einforderung nicht leben zu können.
Von U. geht diese Einforderung von Nähe nicht so aus, da bin ich der Fordernde, aber was wäre, wenn sie einmal forderte, würde ich dann ebenfalls zurückweichen?
Ich weiss es nicht. Weil ich diese existentielle Frage nicht beantworten kann, schreibe ich in der Hoffnung, vielleicht hier ein Paar Hinweise zu bekommen.
Lieber autumn,,
meinst Du nun zwischen Mann und Frau – oder allgemein?
Zu allgemein kann ich von mir aus sagen, daß ich mich früher immer ganz und gar hergegeben habe, also in Freundschaften und überall, ich wollte immer für den anderen da sein. Aber in der Therapie lernte ich den Grund meiner Verzweiflung kennen. Ich gehörte gar nicht mir, ich war im Prinzip jemand, mit dem man alles machen konnte, ich nahm meinen Willen meist zurück oder wußte gar nicht, was ich selbst wollte, hauptsache der andere war zufrieden, und nun, nachdem ich in mir drin mein Ich und vor allem meine innere Freiheit gefunden habe, spüre, daß ich mir gehöre, und daß ich das Recht habe, über mich zu bestimmen, seither lasse ich kaum noch zu, daß Menschen mir sehr nahe kommen. Viele Freundschaften sind seitdem zerbrochen, und bei neuen Kontakten habe ich innerlich für mich eine Grenze gezogen: Bis hierhin und nicht weiter. Das mag manchmal dann zu extrem sein, aber im Moment kann ich niemand mehr von mir geben. Vielleicht braucht auch dies Neue Zeit, sich einzupendeln.
Liebe Grüße Ellen
Liebe Ellen,
bist du glücklich, zwar für dich zu sein, aber doch nicht die rechte Nähe zu anderen Menschen zu haben?
Für mich kann ich sagen, ich habe “früher” allen alles recht gemacht, weil ich zum Gehorsam erzogen worden bin und darüberhinaus dachte, ich werde einsam, wenn ich etwas anderes mache. Ich kann von Glück sagen, nicht auf die schiefe Bahn gekommen zu sein, was wohl doch nicht so werden konnte, weil ich glücklicherweise eine innere Stimme hatte, die auf mich Acht gab.
Aber heute denke ich manchmal, nein, jetzt will ich mich selber spüren. Gerade vermisse ich es auch nicht. Die Beziehung zu M. im letzten Jahr und der aprupte Abbruch nahm mir meine Liebesillusion. Was geschieht nur gerade mit diesen Gefühlen? Auch diese Frage ist das Thema meines Blogs. Manchmal fühle ich mich resetet. Bin gespannt, was kommt. Bin aber auch sehr ungeduldig.
Lieben Gruß
autumn
Lieber autumn,
ich glaube, Ungeduld hilft nicht, Dir nicht und mir auch nicht. Nun, ich wurde auch so erzogen, es allen anderen recht zu machen und habe mich dabei verloren. Mein Therapeut hat mir geholfen, mein Ich zu finden und ich habe gelernt, dieses Ich festzuhalten. Das heißt aber, daß ich mich anderen nicht mehr einfach so zur Verfügung stelle. Ich habe ja eine große Familie – bin aber für mich selbst doch viel allein. Ich muß das richtige Maß noch finden, Kontakte lebendig zu halten und dabei aber nicht mich wieder ganz herzugeben. Wie gesagt, ich meine Freundschaften, keine Liebe. Aber es ist genauso eine schwierige Frage, wie weit man für andere da ist und alles für sie tut – und wo man an sich selbst zuerst denkt und sich zurückzieht.
Liebe Grüße
Ellen
Liebe Ellen,
eine vorgehende Frage von dir blieb unbeantwortet. Auffällig ist dies Nähe-Distanz-Problem gegenüber Frauen. Lerne ich Frau kennen, reizt sie mich, bin ich hinter ihr her, ziert “sie” sich, dann ist mein Eroberungsdrang angespornt, hat sie “angebissen” und kommt mir zu nahe, bekomme ich Schiss und ziehe mich zurück.
Na gut, meine Beschreibung übertreibt ein wenig, weil es sich nach dem klassischen Casanova anhört, nein, meine Beschreibung zielt auf Freundschaftssituationen, zumindest ich meine Freundschaften. Ich lernte Frauen kennen, von denen ich Freundschaft wollte, die aber mehr darunter verstanden, deshalb zog ich mich zurück. Aus Angst, mein Herz unglücklich zu verlieren, weil ich nun ja mal verheiratet bin oder weil ich zu wirklicher tiefer Nähe nicht fähig bin?
Meine Therapeutin offenbarte mir, sie möchte sich nicht in mich verlieben, weil sie Angst hätte, zurückgewiesen zu werden. Leider weiss ich nicht, ob ich wirklich alles gelernt habe, in meiner Analyse, meine Stunden waren ausgeschöpft.
Mich interessiert, was du genau wie gelernt hast, dich abzugrenzen. Wenn ich von mir reden darf, ich bin mir bewusster geworden. Wie beschreibst du dich?
Lieben Gruß
autumn
Lieber autumn,
Neue Kontakte haben es von dem her schwer, daß ich ängstlich über mich wache, daß mir nur ja kein Mensch mehr zu nahe in meine Seele kommt. Ja, ich kann wie Du sagen, ich bin mir bewußt geworden. Überhaupt bewußt. Vorher war ich ein Nichts.
eine schwierige Frage. Mein Problem war, daß ich nicht leben konnte. Ich war innen drin tot. Trotz Familie. Nun, die Erklärung war, daß meine Seele nicht mir gehörte, ich gehörte nicht mir, ich war im Prinzip immer “bestimmt”, ich muß es hier vorsichtig ausdrücken, man weiß nie, wer hier liest. Ich war trotz eigener Familie nicht “erwachsen”, wurde nicht so behandelt. Der Therapeut sagte einmal, diese Person hätte meine Seele in ihrer Hand. Und was immer ich tat und dachte, wo immer ich war, stets war diese Person in meinen Gedanken. Ich war nie ich allein. Erst als mir all dies bewußt wurde und ich es schaffte, diese Person aus meinen 24-Stunden-Gedanken und meiner Seelen, meinem Herzen auch, zu schieben (so gut es ging), spürte ich in mir diese Freiheit, mir allein und selbst zu gehören. Das weitet(e) sich dann aber auf alle Bereiche/Kontakte aus, daß ich überall nun prüfe, wo fühle ich mich frei und wohl, und wo eingeengt und bestimmt? Und dort versuche ich dann, Veränderungen anzustreben, und wenn sie mir nicht gelingen, dann muß ich leider den Kontakt beenden, sonst werde ich verrückt …
Liebe Grüße
Ellen
Liebe Ellen,
dass du mir deine “vertraulichen” Gedanken mitteilst und dich so innig erklärst, finde ich erfrischend offen und hilfreich.
Hinter diesem “Nicht-Erwachsen-sein” steckt ein Muster aus der Kindheit, wie viele andere und ich auch, trägst du es mit dir herum. Bei mir war es so, ich hatte das undeutliche Gefühl, das Leben lebt mich und nicht ich mein Leben. Merkwürdigerweise vage erspürte ich den Zustand, weil ich es ja nicht anders kannte. Die Therapie half mir dann, weiterzukommen. Am Ende angelangt bin ich nicht. Die Therapeutin formulierte ihr Erstaunen, dass ich merkte, was nicht stimmt, sie fand es außergewöhnlich, weil ein Mensch üblicherweise solche Rückschlüsse nicht ziehen kann. Jedenfalls machte es mir Hoffnung, in mir könne nicht alles tot sein, ich muss nur lernen, es zuzulassen. Dabei bin ich, sorge mich nur, allein stecken zu bleiben. Der Blog hilft mir, unterwegs zu bleiben, die Kommentare helfen mir, mich rückzukoppeln.
Bei dir interessiert mich, was du nun so losgelöst spürst, in dir. Ist da eine Leere, ein Vakuum, das es zu füllen gilt, weil ja ein wichtiger Teil von dir rausgeschnitten ist?
Lieber Gruß
autumn
Lieber autumn,
eine gute Frage. Einerseits fühle ich mich wie das kleine Kind, das nicht erwachsen werden durfte und nun in’s kalte Wasser geworfen wurde. Diese neue Freiheit in meiner Seele macht mich oft hilflos und ich fühle mich in der normalen Welt fremd. Diese Fremdheit muß ich lernen abzulegen. Das heißt, ich muß am “ganz normalen Leben” teilnehmen. Dies fällt mir schwer, da ich von Natur aus ein ängstlicher Mensch bin und – wie gesagt – mir alles oft so fremd vorkommt. Das Leben scheint mich manchmal zu erschlagen. Ich gucke den anderen beim Leben zu. Dazu kommt, daß unsere finanzielle Situation keine Spielräume läßt, wirklich “draußen im Leben” was Schönes zu unternehmen. Es ist also für mich doppelt schwer, an mir zu arbeiten, daß ich den Kontakt zur Welt nicht ganz verliere, sondern aufbaue. Und gleichzeitig eben meine Grenzen einhalte, die ich für mich gezogen habe, mich niemandem mehr herzugeben oder mich zu verlieren.
Liebe Grüße
Ellen
Liebe Ellen,
deine Beschreibung über das ins Wasser geworfen werden, kann ich gut nachvollziehen. Nun kenne ich deine genauen Umstände nicht, sicher ist nur, du kennst deine Situation, weisst um die Hintergründe, den “Wachstumsschmerz” kann dir niemand abnehmen, hilfreich ist das Teilen um diese Wahrnehmung. Oder? Darüberhinaus sind die persönlichen Möglichkeiten zu nutzen, die jeweiligen Grenzen zu erweitern und immer dorthin zu gehen, wo es weh tut. Mein eigener Drang nach Bequemlichkeit hindert mich oft daran, dies geht dann einher mit dem Gefühl, den anderen beim Leben zuzuschauen.
Deine Situation ist natürlich nicht leicht, einerseits musste raus, traust dich aber nicht. Vielleicht ist ein Weg zu finden, der beides vereint. Unter Menschen zu sein bedeutet nicht, Grenzen zu verlieren. Diesen Spagat für dich gilt es zu üben.
Lieben Gruß
autumn
Lieber autumn,
das hast Du perfekt ausgedrückt, wirklich, perfekt. Genau so ist es. Hätte fast von meinem ehemaligen Therapeuten sein können.
Ich muß es üben, und dabei darf ich meine Grenzen auch behalten.
Liebe Grüße
Ellen
Oh, danke für die Blumen. Wenn ich das mal für mich immer so ausdrücken könnte…
Für mich ist an dieser Stelle der Austausch so wichtig, um ein Feedback zu erhalten, ohne dass es keine Weiterentwicklung gibt. Das Einholen von außen ist wichtig, von daher auch das Umsichhaben von Menschen, die einem wohlgesonnen und in der Lage sind, kritische Äußerungen abzugeben.
Lieber autumn,
ich habe euren Dialog hier überflogen und bin über etwas gestolpert: Was du schreibst, dass deine Therapeutin dir gesagt hat, hört sich für mich an, als ob sie keine klare professionelle Grenze einhält. Wie kommt sie sonst dazu, auch nur darüber zu reden, ob sie sich in dich verlieben wollte/könnte oder nicht? Ihre Interessen und Gefühle sind in deiner Therapie egal und tabu! Und woher erlaubt sie sich, sich zu wundern, dass du etwas kannst? Wenn du etwas kannst, das dir vorher schwer gefallen ist, dann Bravo! Sei stolz! Du hast etwas geschafft. Wenn du etwas kannst, das nur nur wenige können: Chapeau der Herr, hier hat er eine besondere Gabe, auf die darfst du stolz sein, die kannst und sollst du in deinem Sinne nutzen! Vielleicht habe ich etwas missverstanden, aber so, wie es hier steht, klingt es nach einem merkwürdigen Verständnis der Therapeutenrolle.
LG mayarosa
Liebe mayarosa,
darüber machte ich mir noch nicht einmal Gedanken. Danke für den Hinweis, auch wenn der Gedanke mich verunsichert. Sie sagte, sie möchte sich nicht in mich verlieben, weil sie Angst habe, fallengelassen zu werden. In dem Moment fand ich nichts Schlimmes dabei.
Wegen meiner Eigenwahrnehmung empfand ich ihre Worte zudem als Bereicherung, weil mir dies selbst nie aufgefallen wäre und ich so einen Außenblick bekam. Sie wunderte sich nicht, dass ich etwas kann, sondern sie war fasziniert.
Unterm Strich denke ich, meine Eigenwahrnehmung könnte stärker ausgeprägt sein, ich bin viel zu streng mit mir, zu ungeduldig und undeutlich. Aber ich übe.
Danke, dass du mir deine Beobachtung mitgeteilt hast.
Lieben Gruß
autumn
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Deine Therapeutin scheint mir wirklich geflirtet zu haben, anders kann ich mir eine solche Äußerung nicht erklären, und ich sehe das ähnlich kritisch wie mayorosa. Ich verstehe aber, dass das flirtend-schmeichelnde Feedback dir etwas gebracht hat. Ich selbst bekomme diese Rückmeldungen inzwischen aber von meiner Partnerin, wenn ich mich vorbehaltlos öffne und meine Ängste ausspreche. Dazu hat mich das Buch “Befreiung vom inneren Richter” ermutigt, wo in einer parallelen Erzählung geschildert wird, wie ein Paar die innersten Ängste miteinander teilt.
Schöne Grüße
Meint ihr? Flirten? Eher als eine Feststellung nahm ich die Äußerungen wahr. Nun gut, ich gebe zu, manchmal ein dickes Fell zu haben und erst ein großes Schild mit Aufschrift “Achtung, die Frau könnte dich nett finden” zu benötigen.
Öffne ich mich meiner Frau vorbehaltlos, läuft sie eher weg, als dass sie mir derartige Rückmeldungen gibt, was ich viel schlimmer finde.
Liebe Grüße